Geburtsbericht: Die Hausgeburt unseres zweiten Kindes

Heute wird es ganz persönlich auf meinem Blog. Zwei Monate ist es nun her: Das wundervolle Erlebnis, ein Kind zur Welt zu bringen – zum zweiten Mal und doch absolut einmalig. 

Ich habe überlegt, ob ich meinen Geburtsbericht, den ich in erster Linie als Erinnerung für mich selbst geschrieben habe, wirklich veröffentlichen möchte. Ich habe mich dafür entschieden, denn, wie wir feststellen durften, sind Hausgeburten immer noch sehr selten. Wir leben in einer Stadt mit über 30.000 Einwohnern. Als mein Mann unsere Tochter beim Standesamt anmeldet, teilte ihm die aufgeregte Standesbeamtin mit, dass dies erst die dritte Hausgeburt in diesem Jahr sei. 

Der häufigste Satz, den ich in der Schwangerschaft hörte, wenn ich von unseren Plänen berichtet habe, war: „Du bist ja mutig!“. Mutig. Ist es das? 

Unser Sohn kam 2017 im Krankenhaus zur Welt. Seine Geburt verlief für das erste Kind ungewöhnlich schnell, sodass von unserem Eintreffen im Krankenhaus bis er das Licht der Welt erblickte, nur eine gute Stunde vergangen war. Dennoch war die Geburt leider nicht komplett interventionsfrei und ich ging mit Verletzungen nach Hause, die mir in der folgenden Zeit sehr zu schaffen machten. Und das in einem Krankenhaus, das den Ruf hat, sehr pro natürliche Geburt zu sein und das „alternativste“ in unserer Gegend. 

Alles in allem bin ich mit diesem Geburtserlebnis im Reinen, aber als ich Anfang dieses Jahres erneut schwanger wurde, habe ich mir sehr gewünscht, dieses Mal eine wirklich selbstbestimmte und, wenn möglich, interventionsfreie Geburt zu erleben. Mutig erschien mir vor diesem Hintergrund vor allem der Gedanke, noch mal ins Krankenhaus zu gehen, denn hier ist die Wahrscheinlichkeit, dass schnell in den natürlichen Geburtsprozess eingegriffen wird, einfach sehr hoch. 

Im Nachhinein war die Entscheidung für uns so goldrichtig, dass mein Mann einige Tage nach der Geburt sagte: „Ich kann gar nicht mehr verstehen, wieso man für eine Geburt überhaupt ins Krankenhaus geht, wenn es keinen Grund dafür gibt“. 

Die Geburt unserer Tochter verlief komplett anders als die unseres Sohnes. Entgegen der Regel, dass zweite Kinder meist schneller zur Welt kommen, verging diesmal deutlich mehr Zeit. Zeit, die uns in dieser Form im Krankenhaus wahrscheinlich nicht gegeben worden wäre. Zeit, die sie gebraucht hat, die ich gebraucht habe, die wir als Familie gebraucht haben. Nach dieser Geburt, die eigentlich die anstrengendere war, fühlte ich mich dennoch viel schneller wieder fit. Auch unserer Tochter ging es prächtig: Sie nahm nur am ersten Tag ein wenig Gewicht ab und hatte am zweiten Tag bereits ihr Geburtsgewicht wieder erreicht. 

Von dieser Geburt möchte ich euch nun gerne berichten, ganz so, wie ich es empfunden habe. Vielleicht kommt das Thema Hausgeburt ja irgendwann ein bisschen mehr in der Normalität an, wenn mehr Frauen darüber berichten, dass es mit besonders viel Mut eigentlich gar nichts zu tun hat, sein Kind in geborgener Atmosphäre in den eigenen vier Wänden zur Welt zu bringen zu wollen. Viele Komplikationen werden dadurch, dass die Geburt hier wirklich in Ruhe und ohne unnötiges Eingreifen ablaufen kann, in ihrer Entstehung nämlich verhindert. 

Die Hausgeburt unseres zweiten Kindes

Donnerstag, 26.9.2019
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hatte ich bereits ein paar Mal ein deutliches Ziehen im Bauch und als ich mittags mit unserem Sohn aus der Spielgruppe zurück kam, löste sich der Schleimpropf. Ich war ziemlich aufgeregt über dieses erste Anzeichen und mein Mann kam sogar etwas früher von der Arbeit. Wir warteten gespannt, wann es losgehen würde und tatsächlich bekam ich am gleichen Abend noch leichte, unregelmäßige Wehen. Als ich gerade ins Bett gegangen war, spürte ich nach einer dieser leichten Wehen, wie mir ein Rinnsal das Bein herunter lief und sprang sofort wieder auf. Um 22.15 Uhr war die Fruchtblase gerissen. Ich verlor immer wieder hellrosane Flüssigkeit und als die Wehen gegen 23 Uhr an Intensität etwas zunahmen, war ich mir sicher, noch in dieser Nacht unser Baby begrüßen zu dürfen. Doch da sollte ich mich getäuscht haben.
Die Nacht von Donnerstag auf Freitag verbrachte ich mit Wehen, die zu unangenehm waren, um schlafen zu können, aber auch nicht stark genug waren, um richtige Geburtswehen zu sein. Über mehrere Stunden waren die Abstände bei 6-7 Minuten und ich wartete darauf, dass die Intensität zunehmen würde und die Abstände sich verkürzen würden. Stattdessen nahmen die Wehen, als ich meinen Mann gegen 3 Uhr weckte, eher wieder ab, bis sie morgens dann fast ganz verschwunden waren.

Freitag, 27.9.2019
Um 7 Uhr rief ich meine Hebamme an und berichtete ihr vom Blasensprung und der Nacht. Sie kam sofort bei uns vorbei und wir besprachen das weitere Vorgehen. Sie schrieb ein CTG (das erste in dieser Schwangerschaft), untersuchte mich (Muttermund bei 2-3cm) und ich bekam wehenfördernde Akupunktur. Im Laufe des Tages kam sie noch 3x bei uns vorbei. Wir gingen noch einkaufen, fuhren zu meinen Eltern und ließen unseren Sohn dort, um wenigstens ein Stündchen Schlaf nachzuholen. Die leichten Wehen kamen erst gegen 17 Uhr, als wir nach der dritten Akupunktur spazieren gingen, zurück.
Langsam wurde ich unruhig, denn nach spätestens 48 Stunden wäre mein Traum einer Hausgeburt geplatzt und wir hätten uns im Krankenhaus zur Einleitung einfinden sollen. Ich setzte alle Hoffnung in die kommende Nacht. Diese begann ähnlich wie die vorangegangene, die Wehen waren aber nun schon stärker, sodass ich mir sicher war, es würde jetzt endlich Richtung Geburt gehen.

Samstag, 28.9.2019, 39+6 (einen Tag vor dem errechneten Termin)
Mein Mann und ich bereiteten alles vor, entzündeten die Geburtskerze und ich wehte so einigermaßen regelmäßig vor mich hin, bis die Wehen wieder schwächer wurden. Ich war total enttäuscht und erschöpft vom Schlafmangel, pustete die Kerze wieder aus und mein Mann und ich legten uns aufs Sofa. „Dann geht’s eben morgen zur Einleitung“, sagte ich frustriert (eigentlich mein absoluter Horror) „aber dann will ich jetzt auch keine Wehen mehr haben und endlich schlafen!“. Keine Viertelstunde später, es war gegen 3 Uhr, sprang ich auf, weil ich von einer noch mal deutlich stärkeren Wehe überrollt wurde. Schnell war klar, JETZT ging es also wirklich los!
Ich veratmete einige Wehen, bat meinen Mann, das Wasser in den Geburtspool zu lassen und probierte diesen aus. Leider bekam mir das warme Wasser vom Kreislauf her nicht so gut und die Wehenintensität ließ auch wieder nach, sodass ich dann doch schnell wieder „an Land“ war. Ich ging also lieber wieder zurück in meine alte Position im Vierfüßlerstand vor dem Sofa. Hier hatte ich bereits bei meiner ersten Geburt den Großteil der Eröffnungsphase verbracht, bevor wir ins Krankenhaus fuhren. Diesmal hatten wir hier extra eine gepolsterte Matte hingelegt.
Da ja nun seit dem Blasensprung schon einige Zeit vergangen war und ich lange Zeit so unregelmäßige Wehen hatte, rief mein Mann meine Hebamme recht zeitig an. Ich wollte sie gerne dabei haben, falls es jetzt schnell gehen würde. Man hört ja immer wieder, dass die zweiten Kinder ihre Reise oft zügiger antreten.
Insgesamt hatte ich bei dieser Geburt das Gefühl, dass der ganze Geburtsprozess viel sensibler auf Veränderungen reagierte als es bei meiner ersten Geburt der Fall war. Dies war sowohl beim Eintreffen der Hebamme (und auch später als die zweite Hebamme hinzu kam) so, als auch jedes Mal, wenn ich versuchte, die Position zu ändern. Damit die Wehen weiterhin regelmäßig kamen, musste ich mich immer in der Wehenpause aufs Sofa setzen und während der Wehe ging ich dann wieder runter auf die Matte, krallte mich in ein Sofakissen, vergrub meinen Kopf und atmete. Ich wollte weder angefasst werden, noch gab ich einen Ton von mir. Meine Hebamme kontrollierte ab und zu die Herztöne unseres Babys in der Wehenpause. Die Wehenabstände blieben die ganze Zeit bei ca. 5 Minuten und wurden nicht kürzer, was mich zwischendurch etwas verunsicherte.
Meine Hebamme untersuchte mich zwischendurch einmal, um in etwa abschätzen zu können, wie weit ich war, um der zweiten Hebamme bescheid zu geben. Der Muttermund war mittlerweile bei 7cm, ich wusste also, es ging voran, obwohl die Wehenabstände für mich gefühlt sehr lang waren. Gegen 5 Uhr traf dann auch die zweite Hebamme bei uns ein. Die letzten Zentimeter der Eröffnungsphase zogen sich ziemlich hin. Dadurch, dass es bereits die zweite Nacht ohne Schlaf war, fühlte ich mich sehr erschöpft und kraftlos. Um 7 Uhr wachte unser Sohn auf und mein Mann musste zu ihm ins Schlafzimmer gehen. Daraufhin wurden die Wehen wieder schwächer und die Abstände länger. Die beiden Hebammen rieten mir, mich etwas auszuruhen und zogen sich in die Küche zurück. Im Liegen ließ die nächste Wehe noch mal länger auf sich warten, kam dann aber mit einer sehr starken Intensität. Ich hielt genau eine Wehe im Liegen aus und sprang dann wieder auf. Meine Hebamme kam, um nach mir zu sehen. Die letzten Eröffnungswehen waren sehr schmerzhaft und ich hatte das Gefühl, es nicht zu schaffen. Zudem setzte es mir zu, dass mein Mann nicht mehr bei mir war. Wir beschlossen, dass meine Eltern unseren Sohn abholen sollten und ich ging ins Schlafzimmer, um meinem Mann bescheid zu geben. Er stand mit unserem Sohn auf, machte ihn fertig, ich hörte den Kleinen weinen und in dieser Zeit stagnierte alles bei mir. Ich weinte mich bei meiner Hebamme aus, die ganz tolle Worte für mich fand und mir das Gefühl gab, dass es nicht schlimm war, dass es gerade nicht mehr so recht weiter ging. Sie sagte, dass eine Geburt immer auch ein Abschied sei und ich mir Zeit lassen dürfe, loszulassen. Und dann kamen nur noch ein paar leichtere Wehen und dabei spürte ich einen sanften Druck nach unten, aber noch keinen Pressdrang. Ich wusste: Der Muttermund war nun offen. Um 7.40h war mein Mann zurück und mit seinem Eintreffen setzten zeitgleich die ersten Presswehen ein. Er hatte schon Sorge, die Geburt vielleicht verpasst zu haben, aber mein Körper hatte auf ihn gewartet.
Die Presswehen waren sehr intensiv, aber anders als bei meiner ersten Geburt traute ich mich sofort, mitzuschieben, wodurch sie besser auszuhalten waren. Ich gab alles, in dem Wissen, es bald nun endlich geschafft zu haben und krallte mich, immer noch im Vierfüßlerstand, am Rand der Matte fest. Während der Presswehen gab ich nun auch ein paar Geräusche der Anstrengung von mir. Die Presswehen kamen alle 2 Minuten und waren recht lang, sodass ich immer mehrmals schieben konnte. Bei der einen Wehe hatte ich noch das Gefühl, es nicht zu schaffen, weil der Kopf meines Babys wieder zurück rutschte, und bei der nächsten Wehe, schob ich dann über diesen Punkt hinweg und der Kopf war da. Ich wartete auf die nächste Wehe voller Vorfreude, denn ich wusste, dass der große Moment unmittelbar bevorstand. Um 8.02 Uhr erblickte unsere Tochter Dalia das Licht der Welt. Meine Hebamme fing sie auf und da lag nun vor mir auf der Matte dieses kleine, zarte Wesen und machte mich unendlich glücklich. Ich begrüßte sie, streichelte kurz ihr Gesicht und nahm sie dann hoch. Die zweite Hebamme, die sich im Hintergrund gehalten hatte, half mir, mein Oberteil auszuziehen und dann ging es mit Dalia auf der Brust aufs heimische Sofa. Was für ein schönes Gefühl! Der Rest verlief ganz unkompliziert: Mein Mann durchtrennte die auspulsierte Nabelschnur, die Plazenta ließ nicht lange auf sich warten und im Vergleich zu meiner ersten Geburt, war ich dieses Mal kaum verletzt, auch wenn trotzdem ein bisschen genäht werden musste. Der Damm war komplett intakt geblieben.
Genau wie ihr großer Bruder 2 Jahre zuvor, schrie Dalia ihre ersten Lebensminuten ziemlich viel, bis das erste Anlegen gelang. Danach startete sie mit einer Größe von 50cm, zarten 2760g und einem  vergleichsweise großen Köpfchen von 35cm in ihr Leben als bisher sehr entspanntes und zufriedenes Baby.
Mit unserem Geburtserlebnis bestätigen wir die Regel, dass zweite Kinder schneller kommen, zwar nicht und ich habe die Geburt als anstrengender empfunden als die erste. Trotzdem, oder gerade deshalb, bin ich sehr, sehr dankbar für das Erlebnis einer selbstbestimmten Hausgeburt, bei der uns genau die Zeit gelassen wurde, die wir brauchten.

Es grüßt euch herzlich die glückliche, nun vierköpfige

Grüne Familie

2 Kommentare bei „Geburtsbericht: Die Hausgeburt unseres zweiten Kindes“

  1. Voll schön, dass ihr 48h ab Blasensprung warten durfte! Hier war nach 24h Schluss. Schon interessant, dass das so unterschiedlich ist. Alles Gute euch nochmal! <3

    1. Danke dir, liebe Judith! 🙂

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